Wenn das Mitmach-Web abhängig macht
Titus, Donnerstag, 21. Juni 2007, 7:52 Uhr • Rubrik(en): Mediengedöns, Netz
Da haben wir alle gedacht, dieses neue soziale Netz, das alle nur unter dem inflationär verwendeten Stichwort Web 2.0 kennen, wäre eine tolle Sache. Und nun so was: Es ist alles andere als toll, weil man eben wegen des ganzen Soziale-Interaktions-Krams nicht einfach mal schnell den Anbieter wechseln kann. Also: Man kann, aber es ist mühsam, schwierig und mit erheblichen Nachteilen verbunden. Darüber lässt sich Till Westermayer in der Telepolis in einem sehr lesenswerten Artikel unter dem Titel „Wechsel nicht möglich“ aus. Aufhänger ist das Beispiel Flickr, wo neue Filter – manche nehmen auch das böse Wort von der Zensur in den Mund – bei Usern aus Deutschland für Unmut sorgen. Auch wenn man Westermayers Argumentation nicht bis ins letzte Detail folgen will, so ist doch vor allem eine Feststellung interessant: Ausgerechnet diese schöne neue demokratische Welt, in der die User sich auf alle möglichen Arten äußern und vernetzen können, schafft seltsam anachronistisch anmutende Zwänge:
„Die Geschäftsgrundlage von Web-2.0-Angeboten weist einige Besonderheiten auf. Die üblichen Marktgesetze kommen hier nur bedingt zum Zuge. Die Stärke wie die Schwäche dieser Angebote ist die hohe Bedeutung von zwischenmenschlichen Kontakten, Beziehungen und sozialen Netzwerken verbunden, die – was erfolgreiche Anbieter freuen und deren Konkurrenten ärgern dürfte – nicht einfach transportiert werden können.“
Über diesem Absatz steht der unschöne Begriff „Abhängigkeits-Internet“. Was Westermayer fordert, ist eine Trennung der konkreten Software von den persönlichen Daten und Kontaktmöglichkeiten. Das klingt zwar ein bisschen nach Datenkrake als Geschäftsmodell, hat aber Charme. Nur stellt sich ganz ehrlich die Frage: Wer sollte daran ein Interesse haben, außer den Usern? Und wer bringt bestehende Dienste dazu, sich solche einem Modell zu öffnen? So richtig kann man sich die dafür notwendige geballte Online-Verbrauchermacht noch nicht vorstellen. Das allein sollte uns eigentlich zu denken geben.
