Großstadtwildnis

Titus, Samstag, 14. Oktober 2006, 12:11 Uhr • Rubrik(en): IRL, Krimskrams

Grossstadtwildnis 3b

München leuchtet. München glitzert. Glasfassaden, klassizistische Paläste, Jahrhundertwende-Juwelen, Parks, Biergärten, geschleckte Gehsteige, polierte BMWs.

Ruinen? Verwildertes Brachland mitten in der Stadt? Nicht hier. Kann doch nicht sein. Meint man.

Und dann entdeckt man per Zufall dieses ausgedehnte, aufgelassene Bahn-Areal im Westen. Hier wurden mal Züge rangiert, Güterwaggons beladen, Container sortiert und Waggons geparkt. Heute fehlen die meisten Gleise, die Planierraupen und Bagger für neue Parkdomizile und Möchtegern-Villenhöfe sind schon angerückt, die ersten Baugruben bereits ausgehoben. Bis sie ihr zerstörerisches Werk vollbracht haben, existiert es noch, dieses Stadtbiotop, wo Vögel zwitschern, man zwischen den Büschen Verstecken spielen, die Geländetauglichkeit seines Fahrrads testen oder fotografische Entdeckungsreisen mitten im Millionendorf unternehmen kann. Und dabei stößt man auch auf die stummen Zeugen der Vergangenheit, als hier noch Dutzende Menschen daran arbeiteten, schweren Dampfloks und graugrünen Waggons den Weg zu weisen. Sie alle brauchten ihre Arbeitsplätze. Arbeitsplätze, die wenn sie nicht schon abgerissen sind, langsam verfallen: Streckenhäuschen, Stellwerke, sogar alte Bahnhofsgebäude, die kaum mehr als solche zu erkennen sind.

Grossstadtwildnis 2


Diese ehemalige Industrie-Oase hat wenig zu tun mit der auf Hochglanz polierten Aktiengesellschaftsbahn, deren ganzer Stolz rechts auf dem Abstellgleis zu finden ist, und die Glasfassaden der modernen Bürostadt sind auch nur am Horizont zu erahnen. Es ist der schmutzige und trotzdem authentische Hinterhof einer Stadt – die Rückseite, die, die man eigentlich nicht sehen soll. Das, was man normalerweise nicht mal von der Bahn aus wahrnimmt – denn die ICEs nehmen natürlich eine andere Strecke, wenn sie auf den Hauptbahnhof zufahren, der ebenfalls schon nicht mehr dem neuen Hochglanz-Image entspricht, das man so gerne aufbauen würde.

Grossstadtwildnis 1

Doch nur wer eine Stadt von hinten betrachtet, kann sie begreifen. Hinter die Fassaden schauen. Denn auch das ist diese Stadt. Wahrscheinlich mehr, als die Glaspaläste am Horizont. Wie lange noch?

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