Leistung und guter Preis

Titus, Samstag, 12. August 2006, 13:23 Uhr • Rubrik(en): Kurios, Mediengedöns, Netz, Stammtisch

Erst war’s nur ein Artikel in der gedruckten SZ, nun macht die Geschichte mit der etwas anrüchigen Neuvergabe des Merkelschen Videopodcasts in einigen Blogs die Runde. Das Thema ist auch schon bis zu Spiegel Online durchgedrungen. Hintergrund ist in aller Kürze folgender: Die Produktion des wöchentlichen Video-Podcasts wurde neu ausgeschrieben, und gewonnen hat eine kleine Firma namens Evisco aus München. Im Aufsichtsrat des schnuckeligen kleinen Ladens sitzt ein gewisser Roland Berger, als Vorstand firmiert u.a. ein gewisser Jürgen Hausmann, dessen Schwiegervater zufälligerweise Edmund Stoiber heißt. Hausmann sagt natürlich, es war alles nur ein dummer Zufall. In der Augsburger Allgemeinen wird er mit den Worten zitiert:

„Beziehungen spielten aber bei der Vergabe keine Rolle. Wir haben den Auftrag durch Leistung und einen guten Preis gewonnen.“

Na wenn das so ist… Und schon haben wir wieder einen Skandal weniger. Den wenigsten Lesern wird auffallen, dass so ein Statement nicht unbedingt zur Entlastung taugt. Nur mal so: Wer behauptet denn, dass bei der eigentlichen Auftragsvergabe getrickst wurde? Man darf sicher ohne weiteres davon ausgehen, dass bei der Vergabe die Beziehungen keine Rolle gespielt haben. Alles andere wäre so plump, dass die Verantwortlichen schon wegen Blödheit gefeuert gehören.

Normalerweise funktionieren diese Dinge ja ein bisschen subtiler: Nehmen wir mal an, das Bundespresseamt (das übrigens von einem früheren Stoiber-Vertrauten geleitet wird) schreibt diesen Auftrag aus. Oder das Bundeskanzleramt tut das, und das Bundespresseamt wirkt daran irgendwie mit (dass es keine reine Kanzleramts-Geschichte war, dafür spricht die Tatsache, dass sich „eine Regierungssprecherin“ laut SpOn zu der Sache geäußert hat). Nehmen wir weiter an, die Evisco bekommt dann zufälligerweise einen kleinen Wink mit dem Zaunpfahl aus Berlin, was ein gutes Angebot wäre. So ein Wink müsste ja noch nicht mal vom Chef kommen – Herr Wilhelm wird ja nicht der einzige Münchner sein, der irgendwie in Berlin mit der Bundeskanzlerin und deren Video-Podcast zu tun hatte. Und schon könnte so eine kleine Firma ein Angebot abgeben, das man einfach nicht ablehnen kann.

Aber wie gesagt: Das ist nur so eine völlig spekulative Annahme, deren Handlungen völlig frei erfunden sind. In Wirklichkeit hat sich wahrscheinlich alles ganz anders zugetragen.

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3 Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. Falk am 14. August 2006 um 21:22 Uhr.

    Muss man hinter allem immer gleich ’ne Verschwörung wittern? Oder Vetternwirtschaft? Gibts – abgesehen von den Verwandtschaftsgraden – dazu irgendeinen Anlass? Auch nur einen windigen Tippgeber aus dem direkten Umfeld?

  2. Titus am 15. August 2006 um 1:53 Uhr.

    Vermutlich kommt man nur auf solche Ideen, wenn man in Bayern lebt und diese Schauspiele im Großen und im Kleinen seit Jahrzehnten erlebt… ;-)

    Es ist ja nur ein Gedankenspiel, das verdeutlichen soll, wie hier mit Nebelkerzen geworfen wird: Manipulierte Ausschreibungen funktionieren eben nicht so, dass man einfach dem Wunschkandidaten den Auftrag zuschanzt, so wie das die zitierten Äußerungen suggerieren.

    Ob nun was dran ist oder nicht, ist eigentlich auch völlig egal – alleine die Tatsache, dass sich Leute diesen Vorwürfen aussetzen, ist eigentlich schon peinlich genug. Wegen ganz ähnlicher Verflechtungen musste übrigens schon so mancher Minister zurücktreten. Da sollte man also zumindest mal ein paar Fragen stellen. Das passiert in diesem Fall bislang eher zurückhaltend, was mich wundert, zumal es ja auch um Steuergelder geht.

    Ganz nebenbei bemerkt: Bei einem anderen großen Auftraggeber der Evisco AG ist Hausmanns Schwiegervater Vorsitzender des Verwaltungsbeirates. Das muss übrigens noch lange nicht bedeuten, dass der sich besonders für seinen Schwiegersohn einsetzt – das würde ich ihm wirklich nicht unterstellen; es reicht doch schon, wenn die „Entscheider“ bei so einem Auftrag wissen, wem diese Firma gehört.

  3. gastauftritt.net » Blog Archive » Ausschreibungen gewinnen lassen am 16. September 2006 um 9:54 Uhr.

    […] Politik-Skandale sollen auf diesen Seiten eigentlich nur am Rande eine Rolle spielen, zumal wenn sie nichts mit Internet zu tun haben. Manchmal muss man aber doch ein paar Worte drüber verlieren, zum Beispiel in diesem Fall: Laut SZ gibt es – vorsichtig ausgedrückt – ein paar Ungereimtheiten im Zusammenhang mit einer Ausschreibung des Bundespresseamtes für eine Werbekampagne. Von Belang ist das hier eigentlich nur aus einem Grund: Vor ein paar Wochen gab es mal eine kurze Diskussion um die Neuvergabe der Produktion von Angela Merkels Video-Podcast an eine – sagen wir mal – vielfältig mit den Unionsparteien verflochtene Firma, und ich hatte mich gewundert, warum sich keiner drüber aufregt. Auch jener Auftrag wurde im Bundespressamt vergeben. Interessant daran ist folgendes: Wenn die Auftragsvergabe im Fall des Werbeetats tatsächlich so zustande kam, wie der neue SZ-Artikel nahe legt, dann wäre das von der Vorgehensweise her noch unanständiger als der Podcast-Fall (von dem wir ja immer noch nicht wissen, wie die Dinge damals gelaufen sind). Es geht hier nicht um Verschwörungen. Und eigentlich auch nicht um Theorien. Es geht ganz einfach – entschuldigt das altmodische Wort – um: Anstand. Und um Fragen, die gestellt und beantwortet werden sollten. Kommentar-Feed (RSS) | Trackback URL […]

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